Vino e vita

Der ewige Vergleich

Alle flaschenvergorenen Schaumweine werden zwangsläufig mit dem Champagner verglichen. Ist dies sinnvoll?

 

Maurizio Zanella sagt klar: «Bevor man Franciacorta und Champagner vergleicht, muss man festhalten, dass es zwei komplett unterschiedliche Weine sind.»

Maurizio Zanella ist ein charismatischer Mann. Keiner kennt den Franciacorta besser, keiner hat seine Entwicklung mehr beeinflusst als er. Das Gespräch mit ihm ist äusserst unterhaltsam, die Zeit vergeht im Fluge. Jeder Satz sitzt, ist druckreif – ohne einstudiert zu wirken. Zanella entdeckte Ende der 60er-Jahre als Jugendlicher die Champagne für sich, als seine Eltern den rebellischen Teenager auf Studienreise nach Frankreich schickten. Ein Erlebnis, das ihn prägen sollte. Noch keine 18 Jahre alt, überredete er seinen Vater Albano, in eine Kellerei zu investieren. Maurizio wollte Wein nach französischem Vorbildmachen. Die Geschichte nahm ihren Lauf.

In einem Dokumentarfilm über Schaumweine hatte ich kurz vor der Reise die Aussage von Zanella gehört, der Champagner sei die Lokomotive für alle Schaumweine der Welt, aber sie fahre mittlerweile nicht mehr schnell genug. Eine interessante Metapher, die Zanella näher ausführt: «Der Champagner wird aufgrund seiner Tradition immer das Zugpferd sein. Es gibt keine stärkere Marke. Aber was die Qualität betrifft, haben viele Produzenten sie aus dem Auge verloren. Nur ein kleiner Teil des Champagners ist wirklich herausragend. Die grossen Champagnerhäuser haben in den letzten 15 Jahren extrem viel für Marketing ausgegeben, für Inserate, Partys und prominente Werbeträger. Am Ende ist das Marketing wichtiger als das Produkt selbst geworden, die Bekanntheit wichtiger als die Qualität. Und diese Entwicklung gefällt mir nicht. Denn es ist nicht der Weg, den Qualitätsweine gehen sollten. In der Franciacorta hingegen arbeiten alle sehr konzentriert an Qualität, an Forschung und Nachhaltigkeit.»

Alle flaschenvergorenen Schaumweine werden zwangsläufig mit dem Champagner verglichen. Ob aber der ständige Vergleichwirklich sinnvoll ist, ist fraglich. Viele Winzer sind ihn leid, andere fordern ihn sogar heraus. Bei Majolini in Ome zum Beispiel staune ich: Neben ihren eigenen Flaschen verkauft die Familie in ihrem Betrieb sogar drei Champagner-Marken. Simone Maiolini: «Ich habe keine Angst, Franciacorta-Kunden zu verlieren, nur weil ich Champagner verkaufe. Die Weine sind so verschieden, dass beide Platz haben.» So viel Selbstbewusstsein muss sein.

Maurizio Zanella sagt klar: «Bevor man Franciacorta und Champagner vergleicht, muss man festhalten, dass es zwei komplett unterschiedliche Weine sind. Ich kann ja auch nicht Barolo mit einem Burgunder vergleichen. Was die beiden Weine verbindet, ist in erster Linie die Herstellungsmethode. Zudem haben Franciacorta und Champagner noch zwei von drei Rebsorten gemeinsam. Aber Geschichte, Terroir, Böden und Klima sind so verschieden, dass ein Vergleich sehr schwierig wird.»

Arturo Ziliani (Guido Berlucchi) empfiehlt auf seinen Reisen im Ausland scherzhaft für beide Schaumweine die perfekte Trinkgelegenheit: «Wer einen wichtigen Moment in seinem Leben feiern möchte, der sollte eine Flasche Champagner öffnen. Aber wer einen guten Schaumwein sucht, den er zum Essen trinken möchte, der sollte Franciacorta wählen.»

Bei absoluten Champagner-Liebhabern hat Franciacorta keine Chance. Auch bei Eberhard Spangenberg (Garibaldi) nicht: «Franciacorta mit Champagner zu vergleichen ist wie eine Neubausiedlung in der Peripherie einer mittleren Kleinstadt mit einem gewachsenen Innenstadtviertel einer großen europäischen Metropole zu vergleichen – eine andere Welt. Die meisten Franciacorta sind im Gegensatz zum Champagner zu teuer für das, was sie bieten.»

Merum-Kolumnist Jens Priewe ordnet den Franciacorta ganz anders ein: «Franciacorta ist der einzige flaschenvergorene Schaumwein der Welt, der nicht versucht, den Champagnern über den (niedrigeren) Preis Konkurrenz zu machen. Und handwerklich-technisch sind die meisten Franciacorta auf dem Niveau der Champagner. Die Andersartigkeit liegt im unterschiedlichen Grundwein

Am Ende sind es wohl die Geschmacksnerven, die entscheiden. Wer jedoch Champagner aufgrund seiner Geschichte und dem damit verbundenen Mythos trinkt, wird nicht an einer Alternative interessiert sein. Denn mit dem Argument Tradition wird ein Franciacorta-Winzer potentielle Kunden in nächster Zeit wohl kaum überzeugen können. Und auch Etikettentrinker, die aus Wein ein Statussymbol machen, sind definitiv nicht die Zielgruppe des Franciacorta. Champagner hat den Nimbus des Mondänen, des Luxuriösen, das macht ihn so unwiderstehlich und so erfolgreich. Die objektive Qualität und die daran geknüpfte (ja, blasphemische) Frage nach dem Preis-Leistungs-Verhältnis spielen oft eine untergeordnete Rolle. Es gilt daher für den Franciacorta, in Zukunft neugierige und anspruchsvolle Schaumweinliebhaber für sich zu gewinnen, die feinste Perlen suchen, die Ausdruck italienischer Lebensfreude sind.

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Text: Raffaella Usai

Dieser Artikel ist ein Auszug aus «Franciacorta: Italienische Noblesse», erschienen in der Zeitschrift «Merum» (Ausgabe 5/2015).

 

 

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