Vino e vita

Morbide Schönheit Palermo

Palermo? Naserümpfen! Zu viel Dreck, Zerstörung und Mafia. Denkste! 2018 ist Palermo die Kulturhochburg Italiens. Und noch viel mehr.

Jota Barros

Palermo und die morbide Schönheit ihres Zerfalls brauchen einen zweiten Blick für die grosse Liebe. (Bild: Flickr_Jota Barros)

Sizilien ist immer schön, aber Palermo? Für viele Reisende heisst es schnell: Nein danke. Vielleicht sollte man der altehrwürdigen Dame im 2018 aber eine wohlwollende Chance geben. Denn nicht nur Italien hat sie zur Kulturhauptstadt ernannt, auch die nomadisierende Kunst- und Kulturveranstaltung Manifesta schlägt bis zum 4. November hier ihre Zelte auf. Mit Ausstellungen, Inszenierungen und Künstlern wird die Stadt bespielt und kritisch beäugt. Und mit liebevoller internationaler Aufmerksamkeit bedacht.

Zugegeben, Palermo und die morbide Schönheit ihres Zerfalls brauchen einen zweiten Blick für die grosse Liebe. Aber niemanden lässt die ehrwürdige Grandezza der alten Palazzi kalt, noch immer haftet ihr eine Aura von Schönheit und Prachtentfaltung an. Auch wenn Palermo seine besten Tage ganz offensichtlich schon sehr lange hinter sich hat, zeugt die Stadt von einem faszinierenden Lebenswillen und bietet ein Multikulti vom Feinsten an Sprache, Kultur, Religionen und Kulinarik. Denn von der Antike bis heute wollten alle sie besitzen: Phönizier und Römer, Spanier und Araber bis zu den Alliierten, sie alle haben sich über die Stadt hergemacht. Keiner konnte sie lange erobern, aber ihre Spuren haben sie alle hinterlassen. Korruption, Kriminalität und ein Ringen um Macht zwischen Kirche, Politik und Mafia haben sie dann in die Knie gezwungen. Exorbitante Arbeitslosenzahlen und hohe Armut sind auch im 2018 Alltag, aber es weht ein Hoffnungsschimmer durch die Stadt: Die Kultur soll es richten, soll den Tourismus beleben und verborgene Schönheiten wieder in Stand stellen.

Gezeigt werden mutig nicht nur die Schönheiten, sondern auch die Wunden der Stadt. Ein vierköpfiges Leiterteam hat Palermo auf den Zahn gefühlt und sich die kreativen Köpfe zerbrochen über Migration, Technik und Natur. Entstanden ist der wohl packendste Reiseführer überhaupt, der Palermo Atlas. Kein anderes Werk hat Palermo akribischer und kritischer unters Mikroskop gelegt und dabei so viele ungewöhnliche und eindrucksvolle An- und Einsichten der bröckelnden Schönheit aufgedeckt. Der Palermo Atlas ist Dokumentation und Diskussion gleichermassen und hat das Zeug zum Kultbuch. So führt der Atlas durch die Stadt und bietet Hintergrund. Wussten Sie, dass über 100 Kinofilme in Palermo gedreht wurden? Oder wie viele Religionen mit allen Prozessionen wann und wo feiern? Es gibt neutrale statistische Karten über Migrationsströme von Pflanzen, Menschen und Daten und Informationen über die Kunstwelt. Die geschundenen Fassaden der Barockpaläste, die Brachen und Bauruinen werden durch die Kunstschaffenden genauso belebt und inszeniert wie Museen, Gärten und Plätze und bieten ein ganz neues Bild der Stadt. Aber auch beliebte Sehenswürdigkeiten wie der botanische Garten oder der Palazzo Reale mit seiner goldverzierten Kapelle gehören zur Entdeckungsreise. Und natürlich das Teatro Massimo, eines der grössten Opernhäuser Europas.

Wem das alles zu viel des Guten und der Kunst ist, der kann sich auch einfach ohne Atlas durch die Stadt treiben lassen. Palermo ist ein Mekka für Instagramer und „Streetfoodies“, fast alles ist hier irgendwie fotogen und findet auf der Strasse statt, Essen ist meist auch in die Hand zu haben. Wie beispielsweise die Arancini, die faustgrossen, gefüllten und frittierten Reisballen. Oder herrlich frische, gefüllte Sardinen. Die Palermitani schwören auf das Panino con la mievusa, ein Brötchen mit Zwiebeln, Schweinsschmalz und gebratener Milz! JAWOHL, Milz! Nicht jedermanns Sache, wie auch der grillierte Schafsdarm, der Stigghiole. Für weniger Experimentierfreudige wäre vielleicht das pane e panelle, Brötchen mit frittierten Kichererbsen-Küchlein oder der fantastische sizilianische Rohschinken aus Nebrodi ein Vorschlag. Und für Schleckermäuler natürlich die berühmte Granita, das frische Halbgefrorene aus Orangen oder Beeren oder Kriesi. Am Besten setzt man sich irgendwo in einem der vielen, kleinen Gässchen hin, beschnuppert das Gemisch aus Abgas, frischer Wäsche, die über die Gassen hängt und Gekochtem aus gefühlten tausend Küchen und lässt das volle Leben etwas sacken. Natürliche Passung dazu: ein Glas feiner Etna-Wein. Damit verdaut man auch den Palermo Atlas. Aber auch ohne Wein macht Palermo irgendwie trunken, nämlich trunken von ungefilterter, purer Lebenslust. KEIN Naserümpfen mehr, capito? https://manifesta.org/

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