Vino e vita

Palio in Siena - Eine Stadt im Ausnahmezustand

Siena ist eine Wucht. Wer die Stadt aber richtig kennen will, besucht sie in den Tagen des Palios.

 (Bild: flickr.com Janus Kinase)

Die sagenumwobene Schönheit der Toskana, Siena, ist immer einen Besuch wert. Wer aber ihrem wahren Bild, ihren Tiefen und ihrem feurigen Temperament nachspüren möchte, der sollte sie in den Tagen der wilden Pferderennen im Herzen der Altstadt erleben. Jeweils in den Wochen vor dem 2. Juli und bis am 16. August verfällt die ganze Stadt in ein kollektives Paliofieber. Wer jetzt denkt, es handle sich bei diesem Spektakel mit Kostümen, Bannern und dem Pferderennen um banale Folklore oder eine malerische Touristenattraktion, der hat weitweitweit gefehlt. Der Palio vor dem Siener Rathaus ist für die Stadtbewohner wichtiger als Weihnachten, Ostern und Geburtstag zusammen! Palio ist in Siena identitätsstiftend. Denn die Hauptrolle beim Palio spielen nicht Pferd und Reiter sondern die Contraden, die 17 noch existierenden historischen Stadteile und ihre Bewohner. Sie stehen am Start, ihnen gilt der frenetische Jubel, ihre Farben tragen die Jockeys und Pferde und der Sieg gebührt jedem einzelnen Mitglied der Gemeinschaft.

 

Dabei ist das Glück der grosse Spielemacher. Das Los ist so etwas wie die Schicksalsmacht am Palio, es entscheidet, welches Pferd für welche Contrada laufen wird. Oder auf welcher Startposition es beim Start steht. Auch ob ein Stadtteil überhaupt starten darf, wird ausgelost, nur 10 der 17 Contraden bestreiten das Rennen. Jene die passen müssen, haben dafür im Folgejahr den Startplatz auf sicher. Glück braucht es auch, damit weder Pferd noch Reiter irgendwelchen Intrigen anheimfallen, denn Tricksereien, Betrug oder Gewalt sind Teil des Prozederes. Nicht umsonst werden die wie Söldner angeheuerten Jockeys, die Infantini, in der Contrade gemeinsam mit dem zugeteilten Pferd strengstens bewacht, dafür stellen die Stadtgemeinschaften eigens Reitknechte ab. Denn beim Palio sollte man besser auf alles gefasst sein: fremde Jockeys würden bestochen oder auch mal kurzerhand entführt, geheime Absprachen getroffen und starke Pferde sogar betäubt, wird gemunkelt.

 

Und so wird aus einem eigentlich knapp 90 Sekunden langen Rennen mit zehn Pferden, die 3 Runden um die historische Piazza del Campo sprengen, ein Happening, das die ganze Stadt erfasst wie eine Fieberwelle. Schon Wochen vorher werden die Pferde begutachtet und ausgewählt, und durch die Batterias, die Vorrennen, geschickt. Für die prunkvollen Umzüge wird an Kostümen gestickt und genäht, Musik wird geprobt und die Konkurrenten aufs Argwöhnischste beäugt. Derweil mausert sich die Altstadt zur malerischen Kulisse, Balkone werden geschmückt und das Oval der Rennstrecke um den Platz sorgsam mit der Tuffsandmischung eingestreut. Am grossen Tag dann ziehen die Contraden grossartig und grossspurig in die Stadt: Jedem Stadtteil voran geht sein Standartenträger mit der Fahne, ihm folgt das Rennpferd, vom Barbaresco am Zügel geführt. Der Jockey folgt auf einem Paradepferd. So zieht ein Stadtteil am anderen am Volk vorbei, voran die 10 Rennteilnehmer, danach die 7 Pausierenden. Den Schluss bildet der Fahnenwagen mit dem Palio, dem Ehrenbanner darauf, die Siegesgabe. Ihr verdankt das Traditionsrennen seinen Namen, hergeleitet von Pallium, einem wertvollen Stück Tuch.

 

Der Palio ist wohl das einzige Rennen der Welt, wo der Sieger viel tiefer in die Tasche greifen muss als was er gewinnt. Obwohl über Geld eigentlich niemand reden will. Das Geld, das eine Contrade in den Palio investiert, kann bei reichen Stadtteilen durchaus in die Hunderttausende gehen. Finanziert wird das Engagement durch Spenden und Mitgliederbeiträge, mehr als die Hälfte aller Stadtbewohner sind bei einer der Contraden Mitglied und bleiben das auch ihr Leben lang. Die nachbarschaftliche Gemeinschaft spielt aber über das ganze Jahr eine wichtige soziale Rolle in der Stadt, man teilt hier nicht nur die schönsten Momente sondern gibt auch finanzielle Hilfestellung oder moralische Unterstützung.

 

Gewinner ist das Pferd, das nach der letzten Runde zuerst die Ziellinie überquert. Dabei muss der Reiter nicht zwangsläufig mit dabei sein, nur das Diadem der Contrade muss das Pferd auf der Stirn tragen. So machen sich die Reiter auch daran, sich gegenseitig vom Pferd zu werfen, denn ohne Reiter kann das Pferd schneller laufen. Und genauso wichtig wie der eigene Sieg ist es, einen möglichen Sieg eines verfeindeten Stadtteils zu verhindern. Fürwahr: Fehden wie in alten Zeiten! Und genauso wird auch gefeiert: Ross und Reiter werden von der frenetisch jubelnden Menge zum Dom geleitet und dort gesegnet. Und dann wird in den Gassen gefeiert. Für die siegreiche Contrada kann das auch mal bis zu den Vorbereitungen zum nächsten Palio gehen. Und dann beginnt der ganze Zirkus von vorne.

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