Accademia Vergani

Wirtschaft zum Tobelhof - Zur Wanderruh

Die Wirtschaft zum Tobelhof war schon ein beliebtes Ausflugsziel, als die Zürcher sie noch zu Fuss aufsuchten. Heute ist es hingegen schwierig, einen Parkplatz zu finden. Die Gründe sind wahrscheinlich dieselben geblieben. Ein kleiner Marsch aus der emsigen Stadt hinauf in die Herrlichkeit der Natur und der Kochkunst.

 

Es war ein anstrengender Tag des frühen 21. Jahrhunderts: fünf Anrufe aufs Festnetz, sechs aufs Mobiltelefon, sieben SMS und dreissig Mails. Entsprechend ist mein Geist in alle Welt ausgerollt. Und mein Bauch erinnert abermals daran, dass er ein Joghurt als Mittagessen nicht durchgehen lässt. Es ist also gleichermassen für Erholung wie für Sättigung zu sorgen, und so fahre ich mit dem Tram zum Zoo und spaziere an diesem lauen Abend in Richtung der Wirtschaft Tobelhof. Das ist anfangs alles andere als erholsam, erinnert mich der vorbeibrausende Feierabendverkehr doch stark an die Datenpaketchen, die mich auf meinen elektronischen Geräten erreicht und wieder verlassen haben. Ich steche darum in die Dreiwiese und marschiere sodann mitten in den Wald, in dem das Gelände munter ansteigt. Hier treffe ich die gesuchte Ruhe. Kraftvoll fährt der Wind in die Blätter, wie er es seit Ewigkeiten tut. Unter meinen Füssen ist's weich.

Nach dem Anstieg durch das Sagentobel erreiche ich den Tobelhof, dessen Name damit auch geklärt ist, und finde vor der Wirtschaft einen Tisch auf der Wiese, die in eine riesige Lichtung mündet. Nun habe ich mächtigen Appetit und bestelle aus der mehr als reichen Karte gleich zwei Vorspeisen; Gazpacho und Thunfisch-Carpaccio, danach gibt es Spaghetti mit einer Gemüse-Bolognese. Dazu lasse ich mir sardischen Rotwein bringen. Das Essen kommt rasch
und ist sehr gut. Es ist auch rasch weg; ich habe wirklich sagenhaften Hunger. Nach den beiden Vorspeisen sehe ich mich kurz im Hause um und finde an der Wand einen Zeitungsartikel aus dem Jahre 1901.

«Der Hof auf dem Tobel am Stettbach, so hiess ehemals der Sagentobelbach, kam in unbekannter Zeit an das Gotteshaus St. Martin auf dem Zürichberg, welches 1475, mit Wissen und Willen seiner obrigkeitlichen Pfleger, denselben an fünf Brüder Attinger von Stettbach verpachtete», steht dort in Fraktur zu lesen. Solcherlei interessiert mich immer brennend, und für einen kurzen Moment vergesse ich das Essen. Ich erfahre weiter, dass der Hof, der damals noch eine Hofstatt, eine Scheune, einen Speicher und «einen halben Zuchart Hanfpünte» hatte, 1533 für 11 050 Gulden der Stadt verkauft wurde, der er noch heute gehört.

Wieder am Tisch, erwartet mich mein Hauptgang, welchen ich ebenfalls im Nu verputze und mit einem Nachschlag der sardischen Trauben herunterspüle. Über die Lichtung fährt mir der Abendwind kühl an die nunmehr stille Stirn. Die Stimmen der anderen Gäste verlieren sich in der aufkommenden Nacht. Es werden Wolldecken verteilt; ich bekomme einen Grappa. Und später ein Taxi.

Text: Thomas Meyer | Bild: Iris Stutz | Quelle: Vergani Magazin 2

 

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