Die Weine zum Leben

Die Weine zum Leben

«Meine Weine sind meine Lebensreise», sagt Giovanni Montresor. Er produziert keine Markterzeugnisse: «Ich mache Weine für mich», sagt er. Das Resultat begeistert, pulsiert und berührt. Es sind Weine ohne Kompromisse.

Um zu verstehen, wo er steht, sollte man wissen, woher er kommt. Giovanni Montresor. Die Familie und ihr Name sind seit über 150 Jahren mit dem Weingeschäft verknüpft. Mit einer Jahresproduktion von 1,5 Millionen Flaschen wurde der Name weltweit zum Programm. Die Familie stammt aus Frankreich, einer ihrer Zweige siedelte in der Mitte des 17. Jahrhunderts nach Venetien um. Die Schienen des Lebenswegs für den Giovanni des 21. Jahrhunderts schienen gelegt, die Zukunft seiner Karriere im Weingut der Familie galt als gesichert. Alles wäre gut, aber die Ambitionen, es anders anzupacken, es feiner und kleiner anzugehen, waren grösser.

«Mein Grossvater mütterlicherseits hat die Grundsteine dieses Bauernhofes gelegt, mein Vater hat vor über 30 Jahren den Weinberg rekultiviert. Ich war schon als Kind sehr mit dem Ort verbunden und es tat mir weh, ihn in den 1990ern so verlassen zu erleben», erzählt er. «Ich wollte etwas daraus machen», fügt er an. 2012 hat er den Schritt in die Eigenständigkeit gewagt. Sein Kommentar: «Das Leben hat es mir ermöglicht, von null anzufangen.» Hier sind wir also, zwischen Verona und dem südöstlichen Gardasee, in San Giorgio in Salice, im Weingut Corte Quaiara. Ein klingender Name, aber einer, den man in der Region historisch betrachtet an vielen Ecken und Enden antrifft. Ein «Corte» ist ein Ort, der (zum Beispiel von Häusern) umringt ist und «Quaiara» steht primär für «Wachteln». Man geht davon aus, dass an den so genannten Plätzen früher Zugvögel gefangen wurden. Und tatsächlich ziert die Wachtel auch die Etikette von der Hälfte der Weine, die Giovanni Montresor keltert. Alle anderen Weine sind von ihrem Erscheinungsbild eigenständig.

Genau wie die Weine selbst. Sie entziehen sich dem Regelwerk der Denomination, sie betonen die Attribute der Traubensorte an ihrem Standort. «Ich will nicht verglichen werden», sagt er stoisch. «Es sind Weine, die mein Wesen repräsentieren. Extremweine, die für unseren tagtäglichen Einsatz im Weinberg stehen. Weine, die Trinkfreude vermitteln, die Emotionen auslösen sollen, keine Alltagsweine, sondern Weine, die man mit speziellen Menschen an einem besonderen Moment teilen möchte», beschreibt Giovanni Montresor die Früchte seiner Arbeit. 11 Weine. 13 Hektar. 30'000 Flaschen. Handarbeit. Strenge Selektion. Ertragsregulierung. Höchster Respekt vor der Natur. Auch im Keller. «Kleine Ernte, grosse Arbeit», fasst der Handwerker sein Streben zusammen. Er will – und das betont er ausdrücklich – so arbeiten, wie sein Urgrossvater gearbeitet hat. «Mit meinen eigenen Händen. Aus Liebe zum Boden, mit der Hilfe des Mikrobioms und der Mikrofauna. Die Hecken, die Bäume, das Gras, das Moos, alle Komponenten der Biodiversität sind nützlich, um gesunde Rebberge bewirtschaften zu können. Es ist meine Verpflichtung gegenüber dem Land. Wenn ich das Beste aus dem Boden ziehen möchte, muss ich auch mein Bestes hineingeben», sagt er; beinahe spürt man aus seinem Streben eine Art von Pflichtgefühl heraus. «Die Biodynamie ist ein Lebensweg», sagt er. «Und wo stehen Sie auf diesem Weg, Herr Montresor?» – «Am Anfang», antwortet er. Seine Haltung ist beeindruckend. Seine Weine sind es auch.

Die Reben hat sein Vater angepflanzt und auch den Rebsortenspiegel könnte man durchaus als eigenwillig beschreiben. Pinot Gris. Corvinone. Garganega. Diese Sorten baut er in Amphoren aus. Pinot Noir, Oseleta, Syrah, Petit Verdot, Teroldego und Merlot werden mehrheitlich in Eichenholzfässern verschiedener Grösse ausgebaut. Unter alledem finden sich in den Rebbergen aber auch Goldtraminer und Chardonnay, den Giovanni Montresor vor allem für seinen in der Flasche vergorenen Schaumwein verwendet. «Die kalkhaltigen Böden sind prädestiniert dafür», sagt er. In Kombination mit (60 Prozent) Pinot Noir entsteht so ein Schaumwein, den man probiert haben muss. 140 Monate liegt er auf der Hefe und diese Zeit verleiht ihm auch seinen intensiven Geruch nach knuspriger Brotkruste. Ein traditionell hergestellter Schaumwein, voll und rund, mit Noten von reifem Obst, Kaffee, Kakao und Mandeln. «Ich mache Dinge, die sehr speziell sind», sagt Giovanni Montresor dazu. Auch seine Kunden stellt er sich als Menschen vor, die wüssten und schätzen würden, was Arbeit bedeute und Qualität intrinsisch verstünden. «Es sind keine Etikettenweintrinker, es sind Menschen, die echte Weine trinken wollen», resümiert er. 

Dieses «Echte» spürt man in allen seinen Weinen. Aber klar, kommt es sehr deutlich in seinem Oseleta zur Geltung. Es ist die rarste Rebsorte im Veronese. «Nur wenige vinifizieren sie reinsortig», erklärt Giovanni Montresor, der sich im Übrigen das «Appassimento», also den ortsüblichen Trocknungsprozess, verbittet. «Ich suche die Seele dieser widerspenstigen Traubensorte und möchte keine Süsse! Die Oseleta hat dichte Tannine und eine hohe Säure. Das bedeutet, dass sie viel Arbeit macht und eine brutale Erntebeschränkung fordert. Wenn alles gut geht, bezaubert sie mit einer grossartigen Aromatik, deutlicher Mineralität und einer lebendigen Ausgewogenheit», schwärmt der passionierte Vollblutwinzer. An dieser Stelle könnten wir nun beginnen, richtig in die Tiefe zu gehen, aber das würde vielleicht die Freude an der Entdeckung dämpfen. Die Weine von Giovanni Montresor mögen derzeit noch eine Entdeckung sein, aber schon bald wird man sie kennen müssen, um mitreden zu können.