Cristina Geminiani ist eine beeindruckende Frau. «Wer Wein macht», sagt sie, dürfe keine Abkürzungen nehmen. Der Erfolg gibt ihr recht, aber der Weg in den Olymp der Weine war ein steiniger.
Wo liegt Marzeno? Sicher nicht im Nabel der Weinwelt – oder doch? Wer von Bologna aus in Richtung Meer fährt, also in Richtung Rimini, landet auf halber Strecke in Faenza. Knapp 60'000 Einwohnerinnen und Einwohner, Provinz Ravenna, Region Emilia-Romagna. Schon die Römer, ach was, bereits die Kelten und die Etrusker siedelten hier und klar, spielten neben dem Export der kunstvollen Keramikwaren (Fayence) auch der Wein- und Obstbau eine wichtige Rolle. Bemerkenswert. Auch die Geschichte der Fattoria Zerbina ist bemerkenswert, die sich unweit von Faenza, oberhalb des 800-Seelen-Dörfchens Marzeno, an den ersten Abhängen des Appenins befindet. Manchmal liegt hier Schnee.
In den vergangenen 50 Jahren hat das Weingut 120 Auszeichnungen für ihre Weine eingefahren. «Wein entsteht aus der Erde, aus dem Wissen um die Tradition und aus der Kraft des Neuen», sagt Cristina Geminiani. Sie muss es wissen. Nach ihrer Winzerausbildung in Frankreich (unter anderem in Bordeaux) wollte sie 1987 ihre – in der Emilia Romagna bislang nicht weitverbreiteten – Qualitätsvorstellungen auch in der Heimat umsetzen. Alles beginnt aber etwas früher: 1966. Ihr Grossvater Vincenzo Geminiani kauft das Anwesen und beschliesst, dort oben Weinberge zu pflanzen und mit der Weinproduktion zu beginnen. Seine Weine fallen auf und gewinnen Anerkennung. Aber eben: Das Jahr 1987 und die Ankunft seiner Enkelin Cristina markiert einen Wendepunkt in der Geschichte der Fattoria Zerbina. Sie hatte (und hat) klare Vorstellungen. Zuerst wollte sie die Rebsorten Sangiovese und Albana in der Region aufwerten. Also beschloss die ehrgeizige Agronomin, sich nicht nur als Unternehmerin, sondern auch als Verantwortliche für die agronomische und önologische Leitung voll und ganz ins Abenteuer zu stürzen. Sie stellte einiges auf den Kopf.
Während den ersten Jahren pflanzte sie Sangiovese. Aber nicht so brav, wie man es vermuten würde. Cristina Geminiani liess den ersten Weinberg in dichtem Buschwerk anpflanzen. Das war damals eine – sagen wir es nett – avantgardistische Wahl im italienischen Weinbau. Verschiedene Klone wurden ausprobiert. Ein radikaler Schnitt im Rebberg, strengste Selektion auf dem Rütteltisch. Jeder Schritt wurde auf Qualität getrimmt. Alles unter der Ägide einer jungen Frau. In der konservativen und patriarchisch geprägten Region, die für ihre Massenweine bei gleichbleibend geringer Qualität bekannt war, kam das nicht gut an. Der raue Gegenwind, der Cristina entgegenwehte, auch nicht. Doch nicht einmal Vandalismus und Sabotage in den Rebbergen konnten ihr Vorhaben stoppen. Sie blieb stark. Und sie ebnete damit den Weg für andere Pioniere in der Emilia Romagna.
«Weg von Massen-, hin zur Qualitätsweinproduktion», lautete die Devise. Abkürzungen sind nicht ihr Ding. Kontinuierlich wurde ab 1990 Rebberg um Rebberg neu bepflanzt. Die Lokalmatadoren bemitleideten und belächelten die junge Frau – beirren liess sie sich nie und aufhalten noch viel weniger. Mit langem Atem und in vielen kleinen, grossen und mittleren Schritten gelang ihr etwas, was niemandem vor ihr in der Region gelungen war. Sie produzierte italienische Spitzenweine. Sie sammelte dank grosser Hingabe, Sorgfalt und Besonnenheit die begehrten Gläser im Gambero Rosso. Seit 1999 sind es regelmässig deren drei. Diese Dichte an Weinen mit dem Prädikat «Tre Bicchieri» ist beispiellos und die kritischen Stimmen um sie herum sind längstens verstummt. Spätestens, als der «Wine Advocate» sie als eine der talentiertesten Frauen der italienischen Weinwelt bezeichnete, war Cristina Geminiani in ihrer Heimat auch önologisch angekommen.
Sie vinifiziert ausschliesslich Trauben aus ihrem rund 33 Hektar grossen Rebland, das sich im Durchschnitt auf 300 Meter über Meer befindet. 80 Prozent der Fläche ist mit Sangiovese bestockt, hauptsächlich mit einer regionalen Klonselektion. Die Traubenlese dauert ewig, denn entsprechend der phenolischen Reife der Trauben wird bei Cristina in mehreren Durchgängen geerntet. Eines führt zum anderen. Der Gipfel ihres Qualitätsdenkens offenbart sich unter anderem in ihrem Wein namens Monografia. Das Wort stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet «Einzelschrift». Man versteht darunter eine umfassende, in sich geschlossene Abhandlung über einen einzelnen Gegenstand. In diesem Fall geht es um die Traubensorte Romagna Sangiovese, aus der der Wein zu 100 Prozent besteht. «Decanter», «Wine Advocate» und «Veronelli» überschlagen sich mit Punkten. Eine grosse Versuchung, aber mit 660 produzierten Flaschen auch eine Rarität.
Ebenso innovativ war der Ansatz mit Albana: Cristina Geminiani beschloss, mit dem Wein Scaccomatto (Schachmatt) den Weg der Edelfäule in der Rebe nach Sauternes-Art zu versuchen. Mutig. Aufwendig. Gewagt. Bereits in den ersten Jahrgängen wurden die Mühen mit beachtlichem Erfolg belohnt. Ab 1992 konsolidierte sie Wissen und Erfahrung, um die Entwicklung und die Auswahl der edelfaulen Beeren sowie das Risiko und den physiologischen Stress, den diese Art der Ernte mit sich führt, besser zu beherrschen.
Im selben Zeitraum entwickelten sie das Gesamtkunstwerk Marzieno. Zu Beginn handelte es sich um eine Cuvée aus Sangiovese und Cabernet Sauvignon, wobei in den letzten Jahrgängen unterschiedliche Anteile von Merlot und Syrah hinzukamen. Und um Bordeaux in den Köpfen noch etwas näher in die Emilia Romagna zu rücken, setzte sich Cristina Geminiani auch immer stark für die regionale Traubensorte Ancellotta ein. Mit einer gewissen Selbstverständlichkeit nennt sie sie konsequent «unseren Petit Verdot». So gesehen ist Marzieno dank Cristina Geminiani eben doch ein Nabel der Weinwelt geworden.































