Im Herzen die Natur

Im Herzen die Natur

Die Weinwelt strotzt vor sogenannten Herzensgeschichten. Diese hier ist echt. Sie spielt in der Toskana und dreht sich um einen Flecken Erde, der zum lebhaften und lebenswerten Habitat für eine Grossfamilie wurde.

Menschen haben kein Habitat, sie haben ein Zuhause. Trotzdem passt das schöne Wort, das vom lateinischen «habitare» stammt, ziemlich gut auf diese Familie und ihr Biotop. Ihr Lebensraum ist jedoch längst nicht mehr auf den Lebenszyklus einer einzelnen Generation beschränkt. Aber gut: Zurück zum Start.

Alles fusst auf der Lust eines Mannes, der mit viel Fleiss, Wissen und Können in der Stahlindustrie erfolgreich eine Firma gegründet hat und sich irgendwann einmal nach seinen Wurzeln sehnte: Azelio Paci. In bäuerlichen Verhältnissen aufgewachsen, ist er anfangs der 1970er seinem Bauchgefühl gefolgt und hat einen Bauernhof, der sich ganz in der Nähe seines Geburtsorts befindet, gekauft. Wir befinden uns 30 Kilometer südwestlich von Florenz, in einer Gemeinde namens Montespertoli. Schon die Etrusker kannten den Ort an der antiken Handelsstrasse namens Via Volterrana. Damals wie heute gehört die Weinproduktion zum Alltag auf so einem Bauernhof. Einen Teil davon verkaufte auch Nonno Azelio direkt und offen weiter, den kleineren Teil behielt er für den Eigenbedarf zurück. Viele Jahre lang blühte das Geschäft für die Abfüller der Region, was nicht dazu geführt hat, dass die Region sonderlich bekannt für ihre Weine war (und es leider noch immer nicht ist). Aber auch die Natur blühte in der Fattoria Bonsalto auf.

Wer heute auf dem typischen Landgut unterwegs ist, dem fällt vor allem die reiche Biodiversität auf. Es gibt einen See. Bäume. Olivenhaine. Büsche. Reben. Tiere. Insekten. Insgesamt gehören 54 Hektar zum Gut, 22 davon sind mit autochthonen Reben bestückt. Und was für welche! Reben, von denen selbst eingefleischte Weinkennerinnen und Freaks wohl noch nie gehört haben. «Weil wir die einzigen sind, die sie vinifizieren», sagt Maurizio Tramacere Falco nicht ohne Stolz. Boggione zum Beispiel. Eine autochthone Sorte, die hier bereits um 1600 angepflanzt wurde und auf dem Weingut noch vorhanden war. Aber auch die Malvasia Nera kommt gut. Unter diesen Namen werden je nach Region verschiedene Sorten verstanden. Während die Malvasia Nera di Basilicata und die Malvasia Nera di Brindisi miteinander verwandt sind und aus dem Süden Italiens stammen, hat die Malvasia Nera aus der Toskana ganz andere Wuzeln. «Stimmt», sagt Maurizio Tramacere Falco: «Ihre Genetik verweist mit Sicherheit auf einen Tempranillo-Klon.» Delikat im Anbau. «Wir haben damit begonnen, die heiklen Rebsorten in der Nacht zu behandeln», sagt Maurizio, weil die Tage und die Hitze schon genug Stress verursachen würden. «Wir müssen uns anpassen», fügt er an, aber das Wichtigste an der ganzen Arbeit sei es, den Menschen zu vermitteln, was für eine Menge an Handarbeit hinter jeder einzelnen Flasche Wein stecke. «Wir machen keine Industrieweine», fügt er an: «Unsere Weine müssen Emotionen auslösen.» 

Zeit für eine kurze Zusammenfassung. Maurizio Tramacere Falco hat das Weingut mit seinem Schwiegervater Paolo Paci von dessen Vater, Nonno Azelio, übernommen. 2020 haben sie sich entschieden, nach vorne zu schauen und durchzustarten. «Mir tat es weh, unsere Weine wegzugeben», erzählt Maurizio, der das Weingut leitet. Viel lieber wollte er das volle Potenzial des Ortes selbst nutzen, statt die Weine wie bis anhin tankweise zu verkaufen. «Wir machen Wein aus Freude und arbeiten jeden Tag mit unseren Händen an einem Produkt, das auch andere Menschen glücklich macht», wiederholt er und man glaubt es ihm, weil man überall sieht, dass hier ein Winzer am Werk ist, der den Boden und die Umwelt, in der seine Familie lebt, liebt. 

«Wir haben viel umgebaut, sodass unsere Familie im Umkreis von drei Kilometern leben kann. Schritt für Schritt findet jede neue Generation hier ihren Platz», erklärt er und das macht ihn besonders froh. «Wir müssen nichts abmachen, am Sonntag trifft sich die ganze Familie zum Picknick am See. Die junge Generation kommt mit ihren Freundinnen und Freunden, dann fischen wir, essen und trinken ein Glas Wein. Das ist Lebensenergie», schwärmt Maurizio, wobei die neue Generation in den Reben durchaus auch Hand anlege. Handarbeit auch im Keller, wo ein befreundeter Önologe für die nötige Präzision sorgt.

«Uns ist die Trinkfreude wichtig. Wir suchen keine schweren, dichten Weine, wir möchten Weine, die frisch, harmonisch und bekömmlich sind und die mit ihrer Frucht bestechen», fasst es Maurizio zusammen. Auch wenn der Weg dorthin von Jahr zu Jahr und von Wein zu Wein variieren kann: Die Innovation bleibe eine Konstante im Keller. Holz. Zement. Terracotta. Stahl. Spontanfermentation. Kompromisslos wird biologisch produziert, auch wenn – so wie 2023 – ein Grossteil der Traubenernte verloren gehen kann. «Das ist die Natur», sagt Maurizio.