Mauro Vannucci hatte ein gutes Gespür und eine feine Nase. Aber er war nicht der Erste, der auf die Idee kam, rund 14 Kilometer westlich von Florenz Cabernet-Reben zu kultivieren. Hier in Carmignano begann im Jahr 1533 die Geschichte der Supertuscans.
Zugegeben, die Geschichte ist schön. Historisch ist sie nicht unumstritten. Es geht um die Hochzeit von Caterina de’ Medici und König Heinrich II. von Frankreich. Wahr ist, dass die beiden am 28. Oktober 1533 in Marseille ziemlich pompös geheiratet haben. Einen Tag davor wurden noch die letzten Verträge unterzeichnet, dann wurde gefeiert und Geschenke wurden ausgetauscht. So kamen angeblich die Speisegabeln aus Italien nach Frankreich und der Cabernet-Franc aus Frankreich nach Italien – exakter: nach Carmignano. Dort haben die Medici – wann genau, ist nicht ganz klar – die «uva francesca» angepflanzt und so einen Hauch von Bordeaux in die Toskana eingeführt. Man könnte sagen, sie haben unbewusst die ersten Supertuscans kreiert. Das würde bedeuten, dass diese wesentlich älter sind, als uns Robert Parker und Co. glauben liessen.
«Das ist so», bestätigt Silvia Vannucci: «Davon sind alle Winzerinnen und Winzer hier felsenfest überzeugt». Sie ist die Tochter von Mauro Vannucci, der das Weingut Piaggia aufgebaut hat und heute 85 Jahre alt ist. «Nach wie vor ist er mit Hirn und Herz im Familienweingut engagiert», sagt seine Tochter, die es heute verantwortet. Er sei mit strategischen Fragen betraut und kümmere sich auch um den Kauf neuer Parzellen, erzählt sie. Ursprünglich hat sie Rechtswissenschaften studiert, gelandet ist sie dann doch im Wein. «Für meinen Vater waren die Reben und der Wein zuerst ein Hobby, dann eine Passion und daraus entstand eine Arbeit», erklärt sie. «Als Mädchen habe ich im Keller geholfen, den Wein in Flaschen abzufüllen», fügt sie an. Noch heute trifft man sie mit ihrem Vater, ihrem Mann und ihrem Onkel im Keller an. «Önologische Entscheidungen, wie etwa die Definition der Assemblages, treffen wir gemeinsam, als Team», sagt sie. Und was suchen sie? «Ein charakteristischer Carmignano ist aus unserer Sicht körperbetont und intensiv, aus reifen Früchten, mit runden Tanninen», beschreibt sie den Stil des Hauses. Dieser beginnt in den Reben. «Wir sind davon überzeugt, dass grosse Weine im Rebberg und nicht im Keller entstehen. Nur gesunde, reife, perfekt ausbalancierte Trauben können die Typizität des Terroirs widerspiegeln», sagt sie und natürlich seien Weinberge, die in vollkommener Harmonie mit der Umwelt stünden, für sie eine Selbstverständlichkeit. «Das bedeutet, dass wir die landwirtschaftliche Bewirtschaftung sorgfältig, in präziser Handarbeit und mit so wenig Interventionen wie möglich ausüben», erklärt sie. Hinter diesen Worten steckt viel Arbeit.
Begonnen hat die Reise des Weinguts Piaggia 1972, als Mauro Vannucci ein Haus in der gleichnamigen Gemeinde kaufte, zu dem auch ein Rebhang gehörte. «Mein Vater war sich sicher, dass die Exposition und das Terroir geschaffen sind für grosse Weine», erklärt Silvia. Aber Mauro Vannucci wusste natürlich, dass die Weine aus Carmignano schon seit dem 14. Jahrhundert in Florenz begehrt waren und dass die Gegend zu den ältesten dokumentierten Weinbaugebieten der Toskana zählt. Im 18. Jahrhundert führte Grossherzog Cosimo III. de’ Medici eine kontrollierte Ursprungsbezeichnung für Carmignano ein, sogar mit einer Qualitätskommission, die die Weine klassierte. Von den Worten «Denominazione d’Origine Controlata e Garantita» war damals noch lange keine Rede, aber genau das war es. Das Weingut der Familie Vannucci befindet sich in der Gemeinde Poggio a Caiano, in der Provinz Prato, etwa 14 Kilometer westlich von Florenz. Die Rebberge sind im Anbaugebiet Carmignano situiert, teils in Poggio a Caiano und teils in der Gemeinde Carmignano selbst.
Der erste Wein, der Piaggia Carmignano Riserva DOCG, kam 1991 auf den Markt, der Rest ist eine Erfolgsgeschichte, die immer grösser und bekannter wurde und heute zu einem Weingut mit 30 Hektar herangewachsen ist. «Momentan gefällt mir der Poggio de’Colli enorm gut. Ein hundertprozentiger Cabernet Franc. Die Reben haben wir 2001 gepflanzt, sie geben unglaublich schönes Traubengut her», schwärmt Silvia. Für diesen Wein werden die besten Parzellen in der Lage selektioniert. Die Trauben werden von Hand entrappt, der Most bleibt rund 20 Tage in Kontakt mit den eigenen Hefen, die auch die Fermentation in offenen Holzbehältern einleiten. Die malolaktische Gärung vollzieht sich dann in Barriques aus französischer Eiche aus den Allier-Wäldern. Der Wein wird nicht filtriert und überzeugt mit seiner Tiefe und in der Nase mit balsamischen Noten, frischer Minze und reifen Waldfrüchten. «Natürlich ist jeder Wein unterschiedlich, aber alle tragen unsere Handschrift», betont Silvia, die neben allen kommerziellen und administrativen Belangen während der Erntezeit auch mit Kellerarbeit beschäftigt ist.
Die Frage, ob bereits eine neue Idee im Raum stehe, beantwortet sie mit einem Nein. «Zumindest nichts Spruchreifes», fügt sie schelmisch an, aber man könne schon verraten, dass ihr Vater schon immer einmal gerne einen reinsortigen Merlot auf die Flasche gebracht hätte. Eines ist sicher: Die Familie Vannucci findet immer wieder neue Wege auf dem Weg zur Perfektionierung der eigenen Handschrift und dieses einzigartigen Terroirs.






























