Sizilien ist unergründbar. Die reiche Esskultur, die sich dank der verschiedensten Kultureinflüssen hier entwickelt hat, bleibt einzigartig. Und die Weine? Sie stehen im Auf- und Umbruch. Ein dynamischer Inseltrip.
Es gibt viele Gründe, die grösste Insel im Mittelmeer zu bereisen. Das alltägliche Zentrum der Lust kommt allerdings in der ausgeprägten Ess- und Trinkkultur am freudvollsten zum Ausdruck. Der Tag beginnt in Palermo standesgemäss mit einem sizilianischen Frühstück: Caffè, Mandelgranita und Brioche. Eine seltsam fluffig-kalte Kombination, aber wer sie in der Morgensonne probiert hat, wird sie nie wieder vergessen. Natürlich könnte – was heisst hier «könnte»: müsste! – man ab 10 Uhr sofort weitermachen mit dem süssen Leben und in die Klosterkirche Santa Caterina d’Alessandria pilgern. Schön versteckt findet man dort «I segreti del chiostro». Süssspeisen, die die traditionelle Handwerkskunst der Klosterpatisserie repräsentieren, werden dort verkauft. Authentischer geht es nicht, und wer sein frisch gefülltes Cannolo im Innenhof probiert und sich umsieht, versteht, dass die Esskultur auf der Insel Geschichte, Kulturen, Religion, Tradition, Handwerkskunst und die Lust am Guten vereint. Wer Süsses liebt, bleibt hier.
Wer die Weinwelt auf der Insel entdecken will, kommt mit. Eines ist klar: Wer die Schätze Siziliens kennenlernen möchte, braucht Zeit. Und ein kleines Auto. Die Strassen sind abenteuerlich und über die energetische Fahrweise der Süditaliener braucht man nicht mehr zu berichten. Sie ist so. Unsere erste Station ist ein Weingut, das enorm viel fürs Renommée der hiesigen Weine getan hat. Planeta. Innovativ. Nachhaltig. Gastfreundlich. Vielfältig. Grossartig. Das hat der Weinkritiker Luigi Veronelli bereits 1996 festgehalten. Damit wurde der Chardonnay von Planeta zum Inbegriff des Aufbruchs und der modernen Weinbaukultur Siziliens. Eine Weinikone für Italien. Stehengeblieben ist man bei Planeta keineswegs. Im Gegenteil. Immer mehr Lagen, Reben, Weine und Standorte sind hinzugekommen. Das Weingut kennt nur eine Richtung: Himmelwärts. Heute existiert auf jedem Terroir die dazugehörige Kellerei. Seit 2022 sind sie alle, aber auch die Getreide-, Mandel- und Olivenproduktion, biologisch zertifiziert. Kein Wunder, wurde Alessio Planeta 2023 von den internationalen Wine Star Awards mit dem prestigeträchtigen Titel «Winzer des Jahres» gekürt. Er ist der vierte Italiener, dem diese Ehre zuteil wird. Und die Geschichte der Familie geht weiter. Wer die Weinwelt von Planeta entdecken will, braucht mehr als drei Tage, um die Standorte in Palermo, Capo Milazzo, Castiglione di Sicilia am Etna, Noto, Vittoria und Menfi zu besuchen. Sie befinden sich rund um die Insel verteilt. Zum guten Glück kann man die herzliche Gastfreundschaft der Familie an den verschiedenen Standorten erleben. Vom Beach Club (Menfi) bis zum Palazzo (Palermo) und zu den Privathäusern lässt sich alles ganz vortrefflich in Ruhe erleben und probieren.
Ähnlich komplex, aber viel dichter beieinander liegen die Reblagen von Graci. Wir befinden uns am nördlichen Fusse des Etna, in Passopisciaro, im Zentrum des Alcantara-Tals, wo die Zeit und der Vulkan die Böden derart komplex komponiert haben, dass sie sich innerhalb eines Rebberges komplett unterschiedlich zusammensetzen können. Fünfzig Meter Unterschied ergeben einen anderen Wein. Zum Glück kann man das bei Graci im Glas nachempfinden, denn auf diesem Weingut hat man sich vollkommen auf die vulkanischen Böden und Lagen des Etna spezialisiert. Die Weinberge befinden sich in der Contrada Muganazzi, der Contrada Santo Spirito, der Contrada Feudo di Mezzo, der Contrada Arcurìa (und der Vigna sopra il Pozzo) und in der Contrada Barbabecchi, auf einer Höhe zwischen 600 und 1000 Metern über Meer. Hier entstehen in sorgsamer und klassischer Weinmacherkunst drei Weissweine, ein Roséwein und fünf Rotweine. Jeder bringt das natürliche Mikroterroir und die Jahrgangstypizität präzis und tiefgründig zum Ausdruck. Ein Weingut, dass man zumindest im Glas unbedingt kennen sollte. Bei Graci beschränkt man die Eingriffe im Keller auf ein Minimum, die Arbeit geschieht in den Reben und auch dort werden keine Chemiekeulen eingesetzt. Alles, was das Gleichgewicht und die Energie des Bodens stört, stört.
Beeindruckend und harmonisch, so zeigt sich auch das Anwesen (Sua Altezza) der Familie Lombardo vom gleichnamigen Weingut. 2013 haben sie das alte Bauernhaus erworben, restauriert und einen modernen Weinkeller darin errichtet. Stilvoller kann man die Weine der passionierten Brüder Salvatore, Gianfranco und Roberto nirgends degustieren. Holz, Technik und Ruhe, das sind die Hauptmerkmale der Produktion, aber auch hier werden die Weine im Rebberg gemacht. Die Trauben gedeihen auf 30 Hektar, an sechs verschiedenen Orten und auf Höhenlagen zwischen 550 und 650 Meter über Meer. Das ermöglicht Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht von über 15 Grad und somit auch elegante, beständige, frische und vielfach prämierte Weine. Mehr dazu auf Seite 5.
Nun könnten wir mit unserem kleinen Auto noch die fast vergessenen Weine von Marsala anfahren oder zu den Inseln Pantelleria oder Lipari übersetzen oder die legendären archäologischen Stätten in Siracusa oder Agrigento besuchen oder – und das dürfte alle Fans der Netflix-Serie «Chef’s Table» freuen – ein Gelato von Corrado Assenza im Café Sicilia im barocken Noto probieren. Eines ist gesichert: Sizilien bleibt unergründbar.
































