Das unvergleichbare Mikroklima zwischen Alpen und Süden, die vielschichtigen Böden, 160 Winzerfamilien und das Team der Cantina Tramin sorgen international immer wieder für Furore. Zeit für einen Besuch im Südtirol.
Tramin. Südlich vom Kalterer See. An der Weinstrasse, eine halbe Stunde von Bozen entfernt. Idyllisch ist es hier. Reben, reges Treiben. Ein lebendiges Winzerdorf und mittendrin ein architektonischer Hingucker. Der Südtiroler Architekt Werner Tscholl hat das skulpturale Gebäude 2010 geschaffen. Es ist zum Wahrzeichen der Gemeinde geworden, und, viel besser noch: zum Treffpunkt für Einheimische und Touristen. Die Rede ist von der Cantina Tramin. Ganz in grün. In der Vinothek trifft man immer wieder auch auf Winzer, die darauf schwören, dass Gewürztraminer ab dem späten Morgen der beste Begleiter des Menschen sei. So plätschert das Leben dahin und man könnte vor lauter mildem Schwärmen beinahe die Realität vergessen. Wolfgang Klotz kennt sie. Er ist Vertriebsleiter und hat ein Flair für gute Geschichten. Die Cantina Tramin ist eine gute Geschichte. 2025 wurde sie vom renommierten Fachmagazin «Weinwirtschaft» als weltweit beste Genossenschaft ausgezeichnet. Sie ist für den ersten Weisswein aus Italien verantwortlich, der mit 100 Parker-Punkten ausgezeichnet wurde. Dieser reift acht Jahre: Sieben Jahre lagern die 2100 Flaschen im alten Bergwerk Poschhaussstollen im Ridauntal, am Ende eines vier Kilometer langen Stollens, tief im Berg, auf knapp 2000 Meter über Meer.
Wie gesagt, es gibt viele gute Geschichten hier. Begonnen hat die Geschichte der Kellerei in einer für Winzer perspektivenlosen Zeit. 1898 hatte der Dorfpfarrer Christian Schott die Idee, die Winzerfamilien zu vereinen, die Weinproduktion zu bündeln und selbst zu vermarkten, um somit höhere Erträge für die Winzerinnen und Winzer zu erzielen. Heute ist das Genossenschaftsmodell auf der ganzen Welt anerkannt. In vielen Fällen aber hinkt das Image noch, wenn man an Genossenschaften und an ihre Erzeugnisse denkt. Einverstanden, auch im Südtirol hat man fast 100 Jahre vor allem auf den Ertrag und weniger auf die Qualität geachtet. Aber eben; diese Zeiten sind längstens vorbei. Die Cantina Tramin ist ein Vorzeigebeispiel, wenn es um Qualität und Kontrolle geht. Gar nicht so einfach bei 160 Winzerfamilien, die als Genossenschafter an der Kellerei beteiligt sind und die rund 270 Hektar Reben naturnah bewirtschaften. Verantwortlich für die Trendwende ist Kellermeister Willi Stürz. Er erarbeitet mit seinem Team rund 1,9 Millionen Flaschen Wein pro Jahr. «Weine, die unsere Landschaft widerspiegeln», sagt er. Aber was heisst das?
Für Wolfgang Klotz beginnt es mit dem aussergewöhnlichen Klima. «Es ist optimal für Mensch und Rebe», sagt er und weist dezent auf die über 2000 Jahre alte Weinbautradition im Südtirol hin. Im Rheingau der Alpen verabschiedet sich der Süden vom Norden. Dieses Zusammentreffen der Klimazonen bringt eine kaum vergleichbare Dichte von Sonne und Wärme mit kühlen Temperaturen und Winden zusammen. Das Temperaturspiel wird durch die nahen Alpen möglich, aber für alpine Verhältnisse hat man gerade in Tramin doch auch ein Gefühl der Weite. Kurz: Es ist eine einzigartige klimatische Ausgangslage. Nicht nur, aber auch für den Gewürztraminer, der hier wohl nicht seinen Ursprung, dafür aber seine Heimat gefunden hat. Das Mikroklima ist dafür verantwortlich, dass die Vegetation im Südtirol vergleichsweise spät startet und die Ernte somit lange in den Herbst hineinreicht. Genau das mache den Unterschied aus, meint Wolfgang Klotz. Er spricht vom Unterschied zwischen Tag- und Nachttemperatur vor der Lese. «Genau dann bilden sich die Aromen in den Trauben und dank dem Temperaturfall in der Nacht bleiben die Säure und die Frische erhalten», erklärt er. Es ist ein natürliches Zusammenspiel, die Paarung von 300 Sonnentagen mit der kühlen, alpinen Luft. So entstehen geschmeidige Weine, die idealerweise reif und frisch sind. Wie gesagt, genau das, was Gewürztraminer, aber auch alle Burgundersorten mögen. Und dann wäre da noch die Bodensituation.
Die ist extrem. Dolomitenkalk, Schotter, Lehmerde, vulkanischer Porphyr und Urgesteinsböden sind im Angebot. Zum bereits komplexen Puzzlespiel gesellen sich Schiefer, Gneis und Granit. Auch geologisch ist die Region mit seinen über 150 unterschiedlichen Gesteinsvorkommnissen ein Ausnahmezustand. Einer, der auch für die Weine der Cantina Tramin eine grosse Chance ist, denn die Höhenlage und Bodenstruktur, auf der die Reben der 160 Winzerfamilien stehen, könnte mannigfaltiger nicht sein. Für Kellermeister Willi Stürz und sein Team ist das ein unglaubliches «Geschenk». Aber es gibt noch etwas, was eine motivierte Winzergenossenschaft auszeichnet. Die Traubenlese kann bis zum perfekten Zeitpunkt herausgezögert werden. «Das ist ein Riesenvorteil, weil wir lange zuwarten können», sagt Wolfgang Klotz. Sobald der Startschuss zur Lese fällt, gehen die Winzerinnen und Winzer in ihren überschaubaren Weingärten effizient ans Werk. Dank dieser Struktur von Kleingrundbesitzern erfolgt die Lese schnell und das wiederum sorgt für das bestmögliche Traubengut. «Wir produzieren sehr detailverliebt und konzentrieren uns auf Kleinigkeiten», präzisiert Klotz. Seine Worte verdeutlichen, dass die Weinproduktion in der Cantina Tramin eine Kette mit vielen Gliedern ist, die ineinandergreifen und den Erfolg ausmachen. Idealerweise sollte man das vor Ort erleben. Die Türen stehen offen. Es braucht keine Anmeldung, man betritt einfach in die Vinothek, schaut sich um und probiert das Sortiment. Mit Reservierung sind auch Kellertouren möglich. Danach kann man sich getrost der Frage widmen, ob der charakterstarke Gewürztraminer in der Tat die beste Begleitung des Menschen ist oder nicht.
































